Auch aus der Region Werra-Meißner wurden Jüdinnen und Juden nach Kassel gebracht und von dort aus in Konzentrationslager deportiert. Deshalb nahmen auch „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens“ an einer besonderen Gedenkveranstaltung teil, die am 11. November in Kassel stattfand. Dorthin hatte die „Initiative Gedenkort Polizeipräsidium Königstor“ (Königstor 31) eingeladen: „Wir wollen der in Nordhessen verfolgten Jüdinnen und Juden gedenken, indem wir jeden Einzelnen der von hier Verschleppten und Deportierten 2598 Personen mit ihrem Schicksal zum 87. Jahrestag des ersten Massentransportes der Judenverfolgung in Nordhessen (11.11.1938) am einstigen Sitz der Gestapo aufrufen.“ Von 8:00 Uhr morgens bis 22.00 Uhr abends wurden die Namen aller Deportieren verlesen, darunter waren auch viele deportierte Jüdinnen und Juden aus dem Gebiet des heutigen Werra-Meißner-Kreises. Für unseren Verein wirkten Bernd Helbach und Arnold Baier an der Gedenkveranstaltung mit.
Der Denkmalbeirat des Werra-Meißner-Kreises informierte sich in Harmuthsachsen über die Fortschritte bei der Erhaltung der Synagoge und ihrer Nebengebäude. Das aus sachkundigen Personen verschiedener Fachrichtungen besetzte Gremium unterstützt die Untere Denkmalschutzbehörde bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Dr. Martin Arnold von den „Freundinnen und Freunden jüdischen Lebens“ erläuterte die bisherigen Maßnahmen und die weiter geplanten Schritte. „Mit der Synagoge sind wir schon weit gekommen“, sagte Ludger Arnold vom Vereinsvorstand. „Im nächsten Jahr möchten wir das Lehrerhaus instand setzen, wenn wir die nötige Unterstützung erhalten.“ Im Lehrerhaus soll ein Museum für jüdische Regionalgeschichte entstehen, in dem Gegenstände mit jüdischer Geschichte aus der Region ausgestellt werden.
An dem Gespräch nahmen neben Roman Läsker von der Unteren Denkmalschutzbehörde auch Dr. Annekathrin Sitte vom Landesamt für Denkmalpflege, der Kreisbeigeordnete Dr. Philipp Kanzow und der Waldkappeler Bürgermeister Frank Koch teil. Die ehrenamtlichen Mitglieder des Beirats zeigten sich beeindruckt und spendeten spontan ihre „Sitzungsgelder“ für das Projekt. Dr. Martin Arnold hielt als Fazit fest: „Wir werden die Gebäude nur mit vereinten Kräften erhalten können. Helfen Sie uns dabei!“
Ernst Klein, einer der besten Kenner der jüngeren jüdischen Geschichte in Nordhessen, war zu Gast in der Synagoge Abterode. Im Mittelpunkt seines Vortrages stand der Lebensweg von Adelheit Rothschild. Sie wuchs in Volkmarsen (nordwestlich von Kassel) auf und ließ sich nach der Schule zur Hauswirtschaftsmeisterin ausbilden. Im Jahr 1938 hatte sie eine Stelle als Küchenleiterin im Jüdischen Waisenhaus in Dinslaken inne. Nach den NS-Terroraktionen im November 1938 flüchtete sie nach Holland, um der Verfolgung zu entkommen. Doch wie viele andere Jüdinnen und Juden wurde sie nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verhaftet und in das Sammellager Westerbork gebracht, in dem auch Anne Frank inhaftiert war. Im November 1943 sollte sie in das Vernichtungslager Ausschwitz deportiert werden. Durch eine „Blitzheirat“ mit einem befreundeten Lagergefährten wurde sie von der Transportliste gestrichen. Doch im Januar 1944, als schon die alliierten Truppen vorrückten, verschleppte man sie in das Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle. In den letzten Kriegsmonaten herrschten dort chaotische Zustände. Tausende starben an Unterernährung und Fleckfieber. Adelheit arbeitete als Krankenschwester in einer Baracke mit über 100 Schwerstkranken.
Adelheit Rothschild 1938, im Alter von 18 Jahren
Als im April 1945 die Befreiung des Lagers unmittelbar bevorstand, sollten mehr als 8000 Häftlinge von der SS nach Osten in das Konzentrations- und Durchgangslager Theresienstadt verlegt werden. Doch ihr Eisenbahnzug wurde nach einer langen Irrfahrt am 12. April 1945 von sowjetischen Truppen gestoppt und die Häftlinge befreit. Adelheit und ihr Ehemann gelang mit vielen Hindernissen die Flucht nach Palästina. Nach Scheidung ihrer Scheinehe heiratete sie erneut und bekam zwei Söhne.
Als alte Frau folgte sie einer Einladung von Ernst Klein nach Volkmarsen und erzählte ihm ihre Lebensgeschichte. „Trotz ihrer schweren Kindheit“, sagt Ernst Klein bei seinem Vortrag in Abterode, „der für uns unvorstellbaren Leidenszeit in ihrer Jugend und dem lebenslangen mühsamen Existenzkampf war Adi uns gegenüber immer freundlich und ausgeglichen. Ihre tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Religion war ihr ein Leben lang eine tragende Säule.“
Harmuthsachsen/Asbach – Anlässlich des Gedenktags am 09. November der Reichsprogromnacht 1938 und des Mauerfalls 1989 besuchten die Schüler der Adam-von-Trott-Schule Sontra die Synagoge in Harmuthsachsen und anschließend das Grenzmuseum Schifflersgrund. Etwa 30 Schüler unternahmen am Freitag, den 07. November, mit den Religionslehrern Benjamin Giesen und Dominik Rudolf eine Exkursion zu den Gedenkstätten der Gemeinschaft der Juden und geteilten Geschichte Deutschlands.
„Eine jüdische Gemeinschaft braucht vier zentrale Dinge, eine Synagoge, einen Friedhof, eine Mikwe und eine Schule“, wie Ludger Arnold, Vorstandsmitglied des Vereins der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens, betonte. Eine Mikwe dient im Judentum meist für Frauen als Tauchbad für rituelle Waschungen. Eine solche Mikwe für Reinheit wurde nebenan im Lehrerwohnhaus im Erdgeschoss erbaut. Darin befand sich auch eine Schule, da Juden einen großen Wert auf Bildung setzen. Somit errichtete die jüdische Gemeinschaft ein kleines eigenes Zentrum im Dorf.
Bevor die Synagoge 1833 eingeweiht wurde, war sie zuvor eine Scheune, die zu einer Synagoge umgebaut wurde. Die Inneneinrichtung zeigt besondere Merkmale auf. Üblicherweise war der Toraschrein mit der handschriftlich verfassten Tora Richtung Jerusalem ausgerichtet, unüblich war es aber, diese an einer zusätzlich angebauten Rundung aufzubewahren. An den tiefblauen Wänden der Synagoge lassen sich noch heute die Balken erahnen, die auf die Frauenemporen hinweisen. Unten um die „Bima“, das Pult, saßen die jüdischen Männer, die Frauen befanden sich während des Gottesdienstes auf der hufeisenförmigen Empore.
Während der nationalsozialistischen Zeit wurde die Synagoge 1938 verkauft. Nach erneuter Umnutzung zur Scheune und einigen Jahren Leerstands entdeckte eine Initiative von Bürgern die Synagoge wieder und setzte sich für deren Erhaltung ein. Der damalige Waldkappeler Bürgermeister Peter Hillebrandt pachtete privat die Synagoge, um sie vor dem Verfall zu retten und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach einer Restauration wurde 2005 der Pachtvertrag nicht mehr verlängert und der Zutritt wurde untersagt, bis der Verein der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens letztendlich Hand annahm. Die Synagoge in Harmuthsachsen benötigt weiterhin Restaurierungen, finanzielle Mittel bleiben jedoch knapp, weshalb die Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens an Spenden angewiesen sind. Die Initiative setzt sich als Ziel, die Erinnerung an jüdisches Leben in der Region beizubehalten und an die jüngere Generation weiterzugeben.
Nach dem ausführlichen und detaillierten Rundgang durch Ludger Arnold zeigte der Religionslehrer Benjamin Giesen auf, wie wichtig politisches und soziales Engagement für die heutige Gesellschaft sei. Engagement, wie das von Ludger Arnold, sei ein Vorbild für andere Menschen, vor allem für die jungen Schüler der Oberstufe. Vor der Weiterfahrt zum Grenzmuseum appellierte der Waldkappeler Bürgermeister Frank Koch, der selbst in Harmuthsachsen wohnt, „nicht nur nebeneinander, sondern miteinander“ zu leben und gemeinsam zu handeln. Der Einsatz des Vereins sei ein bedeutender Bestandteil der Erhaltung der geschichtlichen Gemeinde unserer Region.
Herr Koch sei selbst im Militärdienst bei der Grenzöffnung dabei gewesen, während 1989 ein bedeutsamer Schritt in die deutsche Geschichte einging. Diesen nahbaren Moment präge ihn als Zeitzeuge bis heute und bleibe ein Erlebnis, das er nicht vergessen werde.
Im Anschluss des Ausflugs in die Synagoge besuchten die Schüler der Qualifikationsphasen das Grenzmuseum Schifflersgrund an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Bad Sooden-Allendorf. Während einer interessanten Führung erhielten die Schüler spannende Einblicke in die Geschichte der deutschen Teilung, den Alltag an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen und die schließliche Grenzöffnung am 18. November 1989. Besonders beeindruckend waren die original erhaltenen Grenzanlagen und die persönlichen Schicksale, die in den Ausstellungsstücken lebendig wurden. Viele Schüler zeigten sich bewegt von den Berichten über den tödlich gescheiterten Fluchtversuch von Heinz-Josef Große und das Leben im geteilten Deutschland. „Erst hier habe ich wirklich verstanden, was die Teilung kulturell für die Menschen hier bedeutete“, erklärte eine Schülerin der Q3.
Die Exkursion bot nicht nur eine wertvolle Ergänzung zum Unterricht, sondern auch einen eindrucksvollen Beitrag zur Erinnerungskultur.
Die Oberstufenschüler lernten die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit ihren Folgen und Spuren bei ihrer Exkursion deutlich näher kennen. Mit Hilfe von Zeitzeugen wurden sie sich bewusst, dass sie aus der Vergangenheit lernen müssen, um die Zukunft ihrer jungen Generation verantwortungsbewusster zu gestalten und eine Gesellschaft aufzubauen, die mit Mut Zusammenhalt und Engagement schafft.
Der 9. November war auch für die Südringgauschule in Herleshausen ein Anlass, sich im Rahmen eines Thementages mit jüdischem Leben zu beschäftigen. Mit ihrem Lehrer Christian Heine und ihrer Lehrerin Melike Celik machten sich 47 Kinder der 5. und 6. Klassen auf nach Abterode. In der Synagoge erläuterte Arnold Baier die Geschichte des jüdischen Gotteshauses. Besondere Aufmerksamkeit fand dabei ein Tora-Mantel aus Herleshausen, der im Jahr 1908 von Joseph Neuhaus und seiner Frau Mina der Synagoge Herleshausen geschenkt worden war. Er wurde in der Pogromnacht 1938 gestohlen, hat jedoch die Zerstörungen überlebt und kann jetzt in Abterode besichtigt werden. Dr. Martin Arnold führte eine andere Gruppe auf den jüdischen Friedhof nach Abterode. Dort konnten die Kinder einige Besonderheiten der jüdischen Trauer- und Friedhofskultur entdecken. „Warum gibt es hier keine Blumen?“, fragte ein Kind. „Warum gibt es hier keine Wasserstelle zum Blumen gießen?“ Und ein anderes: „Welche Bedeutung hat der Stern auf dem Grabstein?“ Mit vielen neuen Eindrücken kehrten die Kinder mittags mit öffentlichen Bussen nach Herleshausen zurück.
Von links nach rechts: Matthias Beck, Annamaria Zimmer, Mara Dierks und Anna Reimann
Wie bedeutsam Erinnerungen sein können, zeigte die Schülerin Mara Dierks aus der Jahrgangsstufe 10 gestern bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht von 1938 in der ehemaligen Eschweger Synagoge, die heute die Neuapostolische Kirche beherbergt. Gemeinsam mit Anna-Maria Zimmer, profunder Kennerin der jüdischen Geschichte Eschweges, richtete sie den Blick auf den Aspekt der Freundschaft – passend zum Motto der diesjährigen Nacht der Kultur.
Beide erinnerten an Freundschaften und Liebesbeziehungen, die durch die nationalsozialistische Ideologie zerstört wurden, an Kinder, die ihre Freunde verloren, und an Lehrkräfte, die von Propaganda beeinflusst das Unrecht duldeten oder mittrugen. Mit dem Fortschreiten der Diktatur wurde die Ausgrenzung immer stärker, bis jüdische Kinder schließlich auch die Schulen verlassen mussten.
Und doch gab es Menschen, die halfen – heimlich, leise, oft mit großem Mut. Sie bewahrten Gegenstände und Erinnerungen jüdischer Familien, hielten Kontakt und zeigten stille Solidarität, auch über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus.
Begrüßt wurden die Gäste von Matthias Beck für die Neuapostolische Kirche. Lutz Fußangel begleitete den Abend mit Klezmermusik. Der Verein der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner ermöglichte mit Virtual-Reality-Brillen einen Blick in den früheren Innenraum der Synagoge – ein Moment, der zeigte, dass Erinnerungen Zukunft brauchen.
Lutz Fußangel
Arnold Baier erläutert die Verwendung der VR-Brille
Diesen Appell hinterließ die im vergangenen Jahr verstorbene Jüdin und Überlebende des Holocaust der Nachwelt. Exakt an ihrem 104. Geburtstag zeichnete Pfarrer Dr. Daniel Bormuth in der Evangelischen Marienkirche Bad Sooden-Allendorf ihr bewegtes Leben nach. Die Rezitatorin Dorothee Scharff ließ mit vielen Zitaten Margot Friedländer selbst zu Wort kommen. Angefangen von ihrer Kindheit in Berlin (1921-1935) über die Jahre zunehmender Ausgrenzung (1935-1942), ihr Leben im Untergrund (1943/44), ihre Haft im Konzentrationslager Theresienstadt (1944/45) bis zu ihrer Befreiung und Ausreise in die USA (1945/46) erzählte Bormuth ihren Lebensweg nach. Er steht beispielhaft für das Leben vieler Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. Die Bratschistin Hanna-Maria Bormuth und die Pianistin Elena Kerst vertieften die Worte mit bewegender Musik. „Welch ein Leben!“, resümierte Dr. Martin Arnold, der Vorsitzende der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis. „Eine starke Frau, die nicht nur den Holocaust überlebt hat, sondern sich bis ins hohe Alter für Toleranz, Menschenrechte und die Erinnerung an den Holocaust einsetzte. Sie wurde damit zu einem Symbol gegen das Vergessen und für Zivilcourage.“
Von links nach rechts: Luger Arnold, Bernd Helbach, Arnold Baier, Dr. Martin Arnold, Dr. Beate Hofmann, Katrin Wienold-Hocke, Frank Koch, Ralph Beyer und Katrin Klöpfel
Drei Tage hat Dr. Beate Hofmann, die Bischöfin der Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, den Evangelischen Kirchenkreis Werra-Meißner besucht. Mit auf dem Programm stand auch ein Besuch in der ehemaligen Synagoge Harmuthsachsen. Dr. Martin Arnold und weitere Vorstandsmitglieder der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreises informierten nicht nur über die Synagoge und ihre Nebengebäude, sondern auch über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Harmuthsachsen und das Zusammenleben im Dorf. „Man hatte gelernt, miteinander umzugehen“, sagte der Waldkappler Bürgermeister Frank Koch. Doch in der Zeit des Nationalsozialismus gewann der Hass auf Juden auch in Harmuthsachsen die Überhand.
Martin Arnold erinnerte daran, dass Martin Luther und die Evangelische Kirche die Judenfeindschaft über lange Zeit hinweg eher geteilt und gefördert haben. Erst nach dem Holocaust kam es zu einer Neubesinnung. Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck bekannte im Jahr 2021 die Mitverantwortung und Schuld der Kirche am Holocaust. Sie bat die Kirchenmitglieder darum, jeglicher Art von Antijudaismus und Antisemitismus entgegenzutreten und daran mitzuwirken, dass die Verbundenheit zwischen Christen und Juden gestärkt wird. Bischöfin Hofmann dankte den Freundinnen und Freunden jüdischen Lebens, dass sie dazu einen starken Beitrag leisten.
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