Amerikanische Familie sucht nach Spuren ihrer jüdischen Vorfahren
Susan und Allan, die in Boston (USA) wohnen, kamen mit ihrer Tochter Lauren, ihrem Schwiegersohn Ryan sowie ihren Enkeln Brennan (13 Jahre) und Audrey (11 Jahre) nach Eschwege und Diemerode bei Sontra, um nach den Spuren ihrer jüdischen Vorfahren zu suchen. „In diesem Land lebte meine Familie jahrhundertelang. Ich war schon immer neugierig, wie dieses Land aussieht und wie die Menschen dort sind“, sagt Susan Cantos. Susan ist die Tochter von Ingrid Löwenstein, die im Jahr 1929 in Eschwege geboren wurde. Ingrids Vater Willy war ein Kaufmann aus Diemerode, ihre Mutter Paula war Kindergärtnerin und Tochter des jüdischen Kantors Levi Bacharach in Eschwege. Ingrid konnte 1939 mit einem „Kindertransport“ nach Schweden aus Deutschland gerettet werden. Sie kam zunächst nach Stockholm und übersiedelte im August 1946 in die USA. Ihre Eltern wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz umgebracht. Ihr Großvater Levi Bacharach nahm sich im Jahr 1942, kurz bevor er deportiert werden sollte, das Leben.
„Meine Mutter“, so Susan, „fragte sich immer, wenn sie jemand Deutsch sprechen hörte, was der während des Krieges gemacht hat. War er ein Nazi?“ Ihr selbst wurde allmählich klar, dass es nicht fair ist, so über Deutschland zu denken: „Denn die Menschen, die heute dort leben, hatten nichts mit dem zu tun, was in den 1930er Jahren passiert ist.“ Und so beschloss sie, die Menschen selbst kennenzulernen. Sie folgte im Jahr 1989 einer Einladung der Stadt Eschwege an die Eschweger Juden, die den Holocaust überlebt hatten.
Bei der Suche nach ihren Vorfahren wurde die Familie von Hans Isenberg unterstützt. Er fand heraus, dass die Reihe ihrer Vorfahren bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. In Diemerode zeigte ihnen Hans Isenberg die Gräber ihrer Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof. Liane Vogel führte sie in Diemerode zu dem Haus, in dem Willy Löwenstein geboren wurde. Annamaria Zimmer führte die Familie durch die Eschweger Innenstadt und zeigte ihnen einige Häuser, in denen jüdische Familien gelebt hatten. Ein besonderer Ort war für sie das Haus im Alten Steinweg 29, in dem 1941/42 Juden zwangsweise leben mussten. Dort reinigten die Enkel Brennan und Audrey einen „Stolperstein“, der an ihren Urgroßvater Levi Bacharach erinnert. Die Familie besuchte auch die Synagoge auf dem Schulberg und die ehemalige jüdische Schule, in der Levi Bacharach fast 40 Jahre wohnte. Bürgermeister Thomas Eckardt (Sontra) und Bürgermeister Nicola-Alexander Ferl (Eschwege) empfingen die Gäste in ihren Rathäusern. Melanie Salewski lud die Familie in die Anne-Frank-Schule nach Eschwege ein, um dort auch mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen.

Die politische Entwicklung in den USA sieht Susan mit Sorge: „Ich habe große Angst vor dem, was derzeit in den Vereinigten Staaten vor sich geht. Ich beobachte, wie in den Vereinigten Staaten der Antisemitismus zunimmt, ebenso der Hass gegen andere Gruppen, die nicht amerikanisch sind.“ Für ihre Enkelkinder wünscht sie sich, dass sie Menschen aus aller Welt kennenlernen und verstehen lernen, dass die Menschen, auch wenn sie aus verschiedenen Teilen der Welt kommen, alle gleich sind.



