Author Archives: martin.arnold

  1. Die Zehn Thesen von Seelisberg aus dem Jahr 1947: Eine Neubestimmung des Verhältnisses von Christen und Juden

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    Das Erschrecken über den Holocaust und die Mitverantwortung der Kirchen für den Antisemitismus veranlasste eine Internationale Konferenz von Christen und Juden, die vom 30.07. bis 05.08.1947 in Seelisberg (Schweiz) stattfand, eine „Botschaft an die Kirchen“ zu richten. Darin wird das Verhältnis von Christen und Juden neu bestimmt.

    1. Es ist hervorzuheben, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und das Neue Testament zu uns allen spricht.
    2. Es ist hervorzuheben, dass Jesus von einer jüdischen Mutter aus dem Geschlechte Davids und dem Volke Israels geboren wurde, und dass seine ewige Liebe und Vergebung sein eigenes Volk und die ganze Welt umfasst.
    3. Es ist hervorzuheben, dass die ersten Jünger, die Apostel und die ersten Märtyrer Juden waren.
    4. Es ist hervorzuheben, dass das höchste Gebot für die Christenheit, die Liebe zu Gott und zum Nächsten, schon im Alten Testament verkündigt, von Jesus bestätigt, für beide, Christen und Juden, gleich bindend ist, und zwar in allen menschlichen Beziehungen und ohne jede Ausnahme.
    5. Es ist zu vermeiden, dass das biblische und nachbiblische Judentum herabgesetzt wird, um dadurch das Christentum zu erhöhen.
    6. Es ist zu vermeiden, das Wort „Juden“ in der ausschließlichen Bedeutung „Feinde Jesu“ zu gebrauchen oder auch die Worte „die Feinde Jesu“, um damit das ganze jüdische Volk zu bezeichnen.
    7. Es ist zu vermeiden, die Passionsgeschichte so darzustellen, als ob alle Juden oder die Juden allein mit dem Odium der Tötung Jesu belastet seien. Tatsächlich waren es nicht alle Juden, welche den Tod Jesu gefordert haben. Nicht die Juden allein sind dafür verantwortlich, denn das Kreuz, das uns alle rettet, offenbart uns, dass Christus für unser aller Sünden gestorben ist.
    8. Es ist zu vermeiden, dass die Verfluchung in der Heiligen Schrift oder das Geschrei einer rasenden Volksmenge: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ behandelt wird, ohne daran zu erinnern, dass dieser Schrei die Worte unseres Herrn nicht aufzuwiegen vermag: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, Worte, die unendlich mehr Gewicht haben.
    9. Es ist zu vermeiden, dass der gottlosen Meinung Vorschub geleistet wird, wonach das jüdische Volk verworfen, verflucht und für ein ständiges Leiden bestimmt sei.
    10. Es ist zu vermeiden, die Tatsache unerwähnt zu lassen, dass die ersten Mitglieder der Kirche Juden waren.

     

  2. Synagoge Abterode in der engeren Auswahl für den Hessischen Denkmalschutzpreis 2021

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    Eine 14 Mitglieder umfassende Jury mit Fachleuten aus dem Bereich des Denkmalschutzes besuchte die ehemalige Synagoge in Abterode. Sie wollte sich einen unmittelbaren Eindruck verschaffen von den Restaurationsarbeiten in der Synagoge und der Einrichtung eines Lern- und Gedenkortes für jüdisches Leben dort. Andrea Röth berichtete, dass der Verein „Aufwind“ mit der Einrichtung eines Lebensmittelladens in der Synagoge nicht nur die Nahversorgung im Meißnervorland sichergestellt habe, sondern auch einige Arbeitsplätze für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen entstanden seien. Martin Arnold von den „Freundinnen und Freunden jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ hob die Verantwortung hervor, die mit der Nutzung einer ehemaligen Synagoge verbunden sei. Die Synagoge sei inzwischen nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch der Begegnung mit heutigem jüdischem Leben geworden. Bürgermeister Friedhelm Junghans erinnerte daran, dass es einst 14 jüdische Gemeinden in der Region Werra-Meißner gegeben habe. Die Synagoge Abterode sei zu einem zentralen Lern-, Gedenk- und Begegnungsort für die Region geworden. Der Pädagoge Ludger Arnold stellte die Kooperation mit den Schulen in der Region vor. Es gelte, insbesondere Kindern und Jugendlichen Respekt vor jüdischem Leben zu vermitteln und dem wachsenden Antisemitismus zu begegnen. Schließlich erläuterten Architekt Hans-Peter Schubert und der Geschäftsführer der „stellenwert.gmbh“ Rolf Eckhardt, der das Projekt von Anfang an begleitet hat, die Bau- und Restaurationsarbeiten in der Synagoge.

    Die Jury unter Leitung von Prof. Dr. Markus Harzenetter zeigte sich beeindruckt von der geleisteten Arbeit. Sie ist auf einer zweitägigen Rundreise durch ganz Hessen zu beispielhaften Projekten des Denkmalschutzes. Der Hessische Denkmalschutzpreis wird am 15. September in Wiesbaden verliehen.

     

    Der Hessische Denkmalschutzpreis wird seit 1986 jährlich vergeben. Er wird Privatpersonen, bürgerschaftlichen Initiativen oder Körperschaften verliehen. Mit der Auszeichnung würdigt die Hessische Landesregierung vorbildliches Engagement in der Denkmalpflege.

  3. Judentum-Check

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    Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Waldkappel und aus Eschwege auf den Spuren jüdischen Lebens

    Eine Gruppe von Konfirmandinnen und Konfirmanden aus dem Kirchspiel Waldkappel und drei Gruppen mit Konfirmandinnen und Konfirmanden aus der Stadtkirchengemeinde Eschwege besuchten den Lern- und Gedenkort für jüdisches Leben in der ehemaligen Synagoge Abterode. Unter Beachtung der Corona-Regeln konnten sie eintauchen in jüdische Geschichte, Religion und Kultur. Martin Arnold, der Vorsitzende der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens, erzählte von der Geschichte der Juden in Abterode und in der Region Werra-Meißner. An einer original hebräischen Schriftrolle lernten die Jugendlichen Eigentümlichkeiten der hebräischen Schrift kennen. Sie beschäftigten sich mit dem Aufbau der hebräischen Bibel, der weitgehend dem christlichen Alten Testament entspricht. Weiter ging es um die Fragen: Woran glauben die Juden? Was ist eine Synagoge? Was macht ein Rabbiner? Es wurde deutlich, dass es neben manchen Unterschieden vieles gibt, was die Religionen miteinander verbindet. Judentum, Christentum und Islam verstehen Abraham als Vorbild und Vater des Glaubens. „Deshalb sollten wir respektvoll miteinander umgehen und uns nicht zum Hass auf Andere verführen lassen“, so Arnold. Die Konfis aus Waldkappel wurden von Pfarrer Rolf Hocke und Jugendarbeiterin Elisabeth Sawosch begleitet, die Konfis aus Eschwege von Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost.

  4. Hört auf mit der Gewalt!

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    Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis fordern die Hamas auf, ihre Vernichtungsdrohungen gegen Israel einzustellen

    Raketen auf Israel, israelische Luftangriffe im dichtbesiedelten Gaza-Streifen. Wir trauern um bisher 140 Tote im Gaza-Streifen und zehn in Israel, darunter viele Zivilisten und Kinder. Wir beklagen, dass sich die Gewaltspirale immer mehr hochschaukelt.

    Wir meinen: Es gibt kein Schwarz-Weiß in diesem Konflikt, ein „Hier die Guten-dort-die-Bösen“. Wer sich an die Seite Israels stellt, muss nicht die Hoffnung der Palästinenser auf ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit ablehnen. Und wer Verständnis hat für die schlechte Lage der Palästinenser, muss nicht auf Kritik an der Regierung Nethanjahus verzichten. Differenzierung auf beiden Seiten tut not.

    Was aber nicht geht, ist, dass die Hamas bis heute in ihrer Charta Israel mit Vernichtung bedroht. Die Hamas ist eine korrupte islamistische Terrororganisation. Der Raketenbeschuss Israels nimmt den Tod unschuldiger Opfer bewusst in Kauf. Er will ein Klima der Angst in Israel verbreiten.

    Auf Deutschlands Straßen hört man wieder „Scheiß Juden“-Geschrei, Synagogengemeinden müssen vor Angriffen geschützt werden. In Deutschland haben wir gelernt, wohin Vernichtungsdrohungen führen können. Deshalb versichern wir allen Menschen jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens unsere Solidarität. Wir fordern von den Palästinensern und von Israel eine Rückkehr zum Osloer Friedensprozess. Eine gewaltsame Lösung des Konflikts ist nicht möglich.

    Im Namen Gottes: Schalom, Salam, Friede!

  5. Das Jahr 1933 aus jüdisch-regionaler Perspektive

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    Die Präsentation zum Vortrag finden Sie unter diesem Link:
    https://prezi.com/view/vcndi5jGMdWlWJzWz2CE/


    Vorbemerkungen

    Im Jahr 1933 kam es zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Innerhalb weniger Monate wurde die ganze Gesellschaft radikal umgestaltet. Es war ein Weg in die Diktatur, der Beginn einer 12-jährigen Schreckensherrschaft. Sie mündete in den Zweiten Weltkrieg und in die Vernichtung von sechs Millionen Juden. Auch heute, fast 90 Jahre später, ist es noch immer schwer zu begreifen, wie es dazu kommen konnte.

    Wir möchten heute versuchen, diesen Umbruch aus einer regionalen Perspektive nachzuzeichnen. Was geschah in Eschwege, in den Landkreisen Eschwege und Witzenhausen? Und was bedeutete dieser Machtwechsel besonders für Jüdinnen und Juden?

     

    Das Ende der Demokratie

    Kein Umbruch kommt aus heiterem Himmel. Es gibt Entwicklungen, die ihn vorbereiten und oft erst im Nachhinein als solche erkannt werden. Deshalb blicken wir, bevor wir auf das Jahr 1933 selbst schauen, zuvor kurz zurück in die zwanziger Jahre, in die Zeit der „Weimarer Republik“. Und am Ende möchten wir mit Ihnen natürlich auch bedenken, wie wir uns heute zu dieser Zeit verhalten können, was wir daraus vielleicht für unser Handeln lernen können.

    1. Juden in den Landkreisen Eschwege und Witzenhausen sowie in Sontra und Diemerode

    Wie war die Situation der Juden in den Landkreisen Eschwege und Witzenhausen? In unserer Region lebte seit dem 17. Jahrhundert eine starke jüdische Minderheit. 1933 waren es noch mehr als 1.000 Menschen. Die größten Gemeinden: In ESW, WIZ, Abterode, Reichensachsen und Sontra. Den höchsten Bevölkerungsanteil mit fast 11% in Abterode. Diese Karte zeigt, dass sich die Gemeinden überwiegend im Südteil des heutigen WMK befanden.

    1. Jüdische Emanzipation

    Es finden sich viele Beispiele für eine gelungene Integration und für ein gutes Miteinander.

    +            Moses Oppenheim war, wie die: „Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und Waldeck“ vom 10. Juni 1927 vermeldet, nicht nur Vorbeter in seiner jüdischen Gemeinde Abterode, sondern auch Gemeindeverordneter.

    +            Albert Pfifferling war im Jahr 1913 aktives Mitglied der Feuerwehr Datterode

    +            Bei der Einweihung des Kriegerdenkmals in Eschwege am 24.6.1928 hielt nach Kreispfarrer Clermont der Kreisrabbiner Dr. Heinrich Baßfreund für den erkrankten katholischen Pfarrer die Weiherede. Er erinnerte daran, dass „unsere gefallenen Helden einmütig zusammengestanden haben“, und zog daraus den Schluss: „Wenn wir einig sind, kann unser Vaterland nicht untergehen, und aus dieser Einigkeit werden die sittlichen Kräfte erwachsen, die notwendig sind, uns einer besseren Zukunft entgegen zu führen.“

    +            Im Jahr 1917 werden jüdische und christliche Schulkinder gemeinsam mit ihren Lehrern fotografiert.

    +            Gumpert Bodenheim gründete 1853 in Allendorf an der Werra eine Papierwarenfabrik, die bald zu europäischer Geltung aufstieg. Sein Sohn Benjamin und danach dessen Sohn Rudolf führten den Betrieb fort, bis er 1928 in andere Hände überging.

    Rudolf Bodenheim war auch Mitglied im „Stern-Club“. Dies war ein Männerclub aus der Oberschicht Allendorfs und Soodens, der sich seit dem Ersten Weltkrieg wöchentlich einmal traf und dabei eine Anwesenheitsliste führte. Rudolf Bodenheim war von der Gründung 1916 an bis 1938 dabei. Seine letzte Teilnahme ist am 14. November 1938, wenige Tage nach der sogenannten „Reichskristallnacht“. + 1943 im KZ Theresienstadt.

    1. Wirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit

    Nachdem im 19. Jhdt. viele diskriminierende Bestimmungen aufgehoben worden waren, haben viele Juden die neuen Möglichkeiten genutzt und in der Wissenschaft, in der Kultur und vor allem in der Wirtschaft bedeutende Leistungen erbracht. Ein Beispiel:

    +            Strick- und Wirkwarenfabrik Brinkmann: Größter Arbeitgeber in ESW mit ca. 1.000 Beschäftigten. Kein Sonderfall:

    +            Von den 1.300 Personen, die 1933 in der Eschweger Industrie beschäftigt waren, arbeiteten 1.084 in Betrieben, die in jüdischem Besitz waren (ca. 80%). Auch der überwiegende Teil der Geschäfte am Stad war im Besitz jüdischer Familien. Das hat Neidgefühle geweckt!

     

    +            Hinzu kam die Ende 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise. Sie führte auch in Eschwege zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit. Weite Kreise der Bevölkerung gerieten in Not. Das war der Nährboden für den Aufstieg der NSDAP.

    1. Aufstieg der NSDAP

    +            Wahlergebnisse: Die NSDAP erreichte bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 in Eschwege 15,8% der Stimmen. Bei der Reichstagswahl am 31.07.1932 konnte sie ihr Ergebnis mit 43,5% fast verdreifachen. Bei einer weiteren Reichstagswahl am 5. März 1933 erreichte sie im Landkreis Eschwege sogar 55,5% der Stimmen (bei einer Wahlbeteiligung von 91,9%).

    Welche Positionen vertrat die NSDAP im Blick auf die Juden?

    +            Parteiprogramm 1920

    +            Mein Kampf 1926

    1. Wachsender Antisemitismus

    Der Antisemitismus war schon im 19. Jahrhundert in der Region weit verbreitet. Er konnte anknüpfen und aufbauen auf den Antijudaismus, der sich wie ein schleichendes Gift durch die Geschichte zieht. Doch gegen Ende der Weimarer Republik nahm der Antisemitismus noch einmal zu. Dies verdeutlichen zwei Zeitungsanzeigen:

    +            Im „Eschweger Tagblatt“ vom 08.09.1930 erschien ein Aufruf gegen den Antisemitismus: „An das deutsche Volk!“

    +            In der „Hessischen Volkswacht“ vom 27.01.31 war behauptet worden, die Firma Brinkmann habe nationalsozialistische Mitarbeiter unter Druck gesetzt und bzw. diskriminiert. Sie werden mit einer „Berichtigung“ am 28.01.31 als unwahr zurückgewiesen. Die Vorstände der Firma beklagen den zunehmenden Antisemitismus: —

    Das Jahr 1933

    1. Hitlerbegeisterung

    +            Gedicht 21.03.1933: Käthe Kreienberg-Pätzold lebte in Reichensachsen, schrieb Gedichte, trat als Sängerin auf

    +            Als Tag von Potsdam werden die Feierlichkeiten zur Eröffnung des Reichstages am 21. März 1933 bezeichnet, deren Höhepunkt ein Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche war. Hitler in einer Reihe mit Friedrich dem Großen, Bismarck und Hindenburg!

    +            Weihestunde an Hitlers Geburtstag: Kirchgang im „Eschweger Tagblatt“ vom 21.04.33

    +            Weitere Feiern in Wanfried, Waldkappel, Reichensachsen, Wichmannshausen, Hoheneiche, Völkershausen, Alberode

    +            Gleichschaltung der Presse: 4. Oktober 1933 Juden dürfen keine Schriftleiter bei Zeitungen und Zeitschriften mehr sein.

    1. Die Beseitigung rechtlicher Schranken

    Joseph Walk (Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat): Mehr als 2.000 diskriminierende Bestimmungen bis hin zur völligen Rechtlosigkeit.

    +            28.02.1933 Verfassung wird in wesentlichen Teilen außer Kraft gesetzt § 1 (Grundrechte)

    +            24.03.33 „Ermächtigungsgesetz“ Art. 1: Ausschaltung des Parlaments

    +            07.04.33 Beamte nicht arischer Abstammung § 3 Abs. 1; Einschüchterung der Beamtenschaft § 4

    +            Führer- und Gefolgschaftsprinzip

    1. Die Gleichschaltung der Vereine

    +            April 1933: Juden werden von Sport- und Turnvereinen ausgeschlossen.

    +            ETSV 1861 als Beispiel: In der Vorstandssitzung vom 30. Mai 1933 wurde beschlossen, dass sich die jüdischen Mitglieder abzumelden hätten. Auf der nächsten Vorstandssitzung am 26. Juni wurde dann bestimmt, dass alle Mitglieder, die sich bis dahin nicht abgemeldet haben, sich als ausgeschlossen betrachten müssen. 1932 hatte der Verein 436 Mitglieder, davon waren 16 Juden. Von den insgesamt 29 Ehrenmitgliedern waren 5 Juden. Im Vereinsbuch von 1933/34 sind die Namen aller Mitglieder und Ehrenmitglieder jüdischen Glaubens durchgestrichen.

    +            Namen der im 1. Weltkrieg gefallenen jüdischen Turnbrüder herausgemeißelt.

    1. Die Gleichschaltung der Schulen

    Ziel der Nationalsozialisten war es von Anfang an, die Schulen in den Griff zu bekommen. Denn dort bot sich die Möglichkeit zur Indoktrination von Kindern und Jugendlichen.

    +            01.04.32 Schreiben von Julius Löwenthal (Vorstand der Firma Brinkmann) an den Schulleiter der Friedrich-Wilhelm-Schule bezüglich seines Sohnes Carl Werner

    +            1933 an der FWS noch 26 jüdische Schüler; bis Ende 1935 alle ausgeschieden

    +            1933 müssen alle Lehrer ihre arische Herkunft belegen; der Schulleiter Dr. Otto Hoffmann wird am 26.03.33 beurlaubt, wohl wegen seiner Sympathie für die SPD

    1. Die Okkupation des öffentlichen Raumes

    +            Antrag von 30 Bürgern der Forstgasse an die Stadtverordnetenversammlung, die eine Umbenennung ihrer Straße in Horst-Wessel-Straße fordern

    +            Umzüge und Machtdemonstrationen

    1. Der Boykott jüdischer Geschäfte

    +            Für den 1.4.1933 hatte der Propagandaminister Goebbels zu einem „Juden-Boykott“ aufgerufen, „um der antideutschen Greuelhetze des Weltjudentums“ eine Antwort zu erteilen.

    Als Einleitung der „Abwehrmaßnahmen“ fand in Eschwege am Vorabend ein Propagandamarsch der SA und der Hitlerjugend durch die Hauptgeschäftsstraßen statt. Dem Zuge wurden Tafeln mit der Aufschrift „Wer beim Juden kauft, übt Verrat am deutschen Volk!“ vorangetragen. Eine Standartenkapelle begleitete den Zug mit Marschmusik.

    +            Am 1. April 1933 öffneten in Eschwege nur wenige jüdische Geschäfte. Um 10 Uhr erschienen SA-Wachen und beklebten die Schaufenster mit Plakaten wie „Betreten verboten“, „Achtung Jude“ und anderen Beschriftungen. Während des ganzen Tages waren SA und Schutzpolizei am Stad. Werbung für jüdische Geschäfte verschwand allmählich aus dem „Eschweger Tageblatt“. Bei einigen Unternehmen führte der Boykott zur frühzeitigen Geschäftsaufgabe.

    Eine Eschwegerin erzählt, daß sie von dem auf dem Marktplatz von SA-Leuten aufgestellten Pferch noch mehr beeindruckt war als von den anderen Maßnahmen. Hieß es doch, jedermann, der bei Juden kauft, wird in diesen Pferch eingesperrt! Und wer will sich schon öffentlich an den Pranger stellen lassen? … Eine andere Eschwegerin berichtete: „Ich gebe ehrlich zu, daß ich damals, und auch ein großer Teil meiner Bekannten, der Meinung waren, daß die Juden, die sich in Eschwege so breit gemacht haben, aus dem Geschäftsleben zurückgedrängt werden sollten. Sie waren doch eine übermächtige Konkurrenz für uns, … persönlich wollten wir ihnen nicht schaden und was dann später mit ihnen passiert ist, haben wir nicht gewollt.“

    (Anna Maria Zimmer)

    +            Der Jude Robert Löwenstein (* 23.01.1889 in Wanfried, + 1942 KZ Riga-Kaiserwald) beschrieb die Situation mit den Worten: „Der Boykott in Wanfried ist so scharf, dass Wanfrieder Einwohner aus Verschüchterung nur in ganz seltenen Fällen bei uns zu kaufen wagen. Wenn jemand zu kaufen wagt, so vorwiegend durch Mittelsmänner. Wir tragen uns alle mit dem Gedanken, Wanfried zu verlassen.“

     Jüdische Ärzte und Juristen

    +            Emma Stern mit ihren Söhnen Otto und Carl (rechts). Carl * 1883. Vater Sanitätsrat Dr. Moritz Stern. Promotion über die Rolle des Fürsorgewesens bei der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. Praxis „An den Anlagen 14a“ (Heute Kirchenkreisamt). Nach der Machtergreifung 1933 besetzte die SA das Haus. Im Frühjahr 1933 Übersiedlung nach Hamburg. 1935 Beschuldigungen aus Eschwege wegen Pfuscherei, illegaler Abtreibung und Rassenschande (vh. mit Clara Schultz, ev.). Suizid mit Cyankali im Amtsgericht Hamburg-Blankenese.

    +            Dr. jur. Siegmund Doernberg (1880-?) war ein gebürtiger Eschweger, hatte in Rostock promoviert. Er wurde 1906 als Rechtsanwalt beim Amtsgericht Eschwege zugelassen, 1920 zum Notar bestellt und 1928 auch am Landgericht Kassel zugelassen. Seine Kanzlei befand sich in Eschwege in der Reichensächser Str. 6.1938 musste er seine Tätigkeit aufgeben und wurde einige Wochen im KZ Buchenwald interniert. Im Mai 1939 gelang ihm mit seiner Familie die Flucht nach Chile.

     „Schutzhaft“

    Ein besonderes Mittel der Einschüchterung von Regime-Gegnern war die sogenannte „Schutzhaft“. Dabei ging es nicht um „Schutz“, sondern um Einschüchterung. Regime-Gegner wurden von SA-Leuten inhaftiert, ohne dass dies einer richterlichen Kontrolle unterlag.

    +            In Herleshausen werden am 19. März 1933 der Kaufmann Julius Neuhaus und dessen Vater Bernhard, der Viehändler Nathan Ochs und der Getreidehändler Josef Katzenstein in „Schutzhaft“ genommen und nach Eschwege gebracht. Alle vier Männer waren Juden. Der NSDAP-Kreisleiter schrieb an den Landrat, das sich die vier „durch Unterstützung staatsfeindlicher Organisationen den Zorn der deutsch denkenden Bevölkerung in einem derartigen Maße zugezogen haben, dass sofortige Schutzhaft angebracht sei, bis die Erregung sich gelegt hat. Die Beschuldigten hätten noch vor einiger Zeit thüringische Reichsbanner <Mitglieder des Eisenacher „Kampfbundes gegen den Faschismus“> zur Sprengung nationaler Versammlungen herbeigeholt, bezahlt und verpflegt.

    +            Der Chefarzt des Eschweger Krankenhauses Dr. Kurt Stück schrieb im Rückblick auf das Jahr 1933: „Unser Gewissen wurde sehr bald nach dem Regierungswechsel erheblich strapaziert, als immer mehr jüdische Mitbürger von SA-Männern in ihren Wohnungen misshandelt wurden, was vor allem den alten Leuten schlecht bekam. … Wir hatten den Eindruck, dass unsere Beschwerden nicht fruchteten und dass die Straftaten nicht energisch verfolgt wurden. Sehr bald wurden sie unter dem weiten Mantel einer Amnestie exculpiert …“.

     

    Nie wieder!

    +            Die Ausgrenzung und Entrechtung der Jüdinnen und Juden fand nach 1945 zunächst wenig Beachtung. Erst ein von Annamaria Zimmer im Jahr 1989 organisiertes Treffen ehemaliger jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Eschwege führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema. Inzwischen sind die jüdische Regionalgeschichte und insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus gut erforscht. Zahlreiche wissenschaftliche Beiträge liegen vor. „Stolpersteine“ erinnern in einige Orten an die jüdischen Opfer des Holocaust. Der im Jahr 2019 gegründete Verein der „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ hat in der ehemaligen Synagoge in Abterode einen Lern- und Gedenkort für jüdisches Leben eingerichtet.

    +            Treffen 1989; Stolpersteine ESW, Herleshausen, Harmuthsachsen; Koffer am Bahnhof erinnert an Deportationen; virtueller Stadtrundgang von Paul Hartmann (http://karls-eschwege.de/home/html/index.html)

    +            Besondere wissenschaftliche Beiträge: Weitere Arbeit nötig! Schulen, junge Menschen! Die Erinnerung an das Jahr 1933 sollte dazu beitragen, dass sich solche Entwicklungen nie mehr wiederholen!

  6. Landeskirche von Kurhessen-Waldeck will Verbundenheit zwischen Christen und Juden stärken

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    Mit Sorge beobachtet die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ein Wiedererstarken des Antisemitismus, wie er in den Anschlägen von Halle sowie im Lager der so genannten Querdenkerbewegung bedrückende Aktualität erhalten hat. «In einer Zeit, in der Antisemitismus in Deutschland wieder an vielen Stellen zu Tage tritt, ist es gut, sich zu vergegenwärtigen, dass jüdisches Leben schon immer Teil der gesamten Geschichte Deutschlands war und ist», sagte Präses Dr. Thomas Dittmann bei der Tagung der digitalen Landessynode am 26. April 2021. Die Landessynode hat am Nachmittag mit großer Mehrheit eine neue Erklärung zum Thema «Christen und Juden» auf den Weg gebracht. «Eine Erklärung, die wir dringend brauchen», betonte Bischöfin Dr. Beate Hofmann.
    Im Jahr 1997 hatte das Kirchenparlament eine Synodalerklärung zum Verhältnis von Christen und Juden beschlossen. Diese galt es, im Licht der inzwischen fortgesetzten theologischen Arbeit, aber auch der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen neu zu formulieren und zu profilieren, teilte die Landeskirche mit. Mit Blick auf ein Wiedererstarken des Rechtsnationalismus betont die Landessynode die Notwendigkeit, auf allen Ebenen der Kirche deutlich für eine offene, tolerante und respektvolle Gesellschaft einzutreten. Die Landessynode ruft zudem die Gemeinden auf, weiterhin für den Frieden in Israel und Palästina zu beten, und bittet die politisch Verantwortlichen, ihren Beitrag zur Verständigung und zur Sicherung des Friedens zu leisten.
  7. Zwischen Aufbruch und Ausgrenzung: Verein der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens lädt ein zu Vortrag über das Jahr 1933 aus jüdisch-regionaler Perspektive

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    Auch in der Region Werra-Meißner ist am 30. Januar 1933 wohl den wenigsten Zeitgenossen klar, dass sie gerade den Beginn einer historischen Zäsur miterleben: An diesem Tag kommen in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht. Innerhalb weniger Monate zerstören sie grundlegende Strukturen des Rechtsstaates und verändern in perfider Weise die Gesellschaft: Die einen verbinden damit einen scheinbar verheißungsvollen Aufbruch, die anderen werden rasant zu Opfern von Ausgrenzung und Verfolgung.


    Dazu gehören bereits im Umbruchsjahr 1933 nicht nur politische Gegner, sondern auch die jüdische Bevölkerung. Die damaligen Landkreise Eschwege und Witzenhausen bilden da keine Ausnahme. So stehen Erfahrungen von Unterdrückung, Gewalt und Schikanen von Juden aus der Region am Mittwoch, 28. April, im Mittelpunkt eines digitalen Vortrages des hiesigen Vereins der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens.
    Die Vorstandsmitglieder Dr. Martin Arnold und Anna-Maria Zimmer informieren über das Jahr 1933 aus jüdisch-regionaler Perspektive. „Wir wollen aufzeigen, wie sich die Machteroberung der Nationalsozialisten konkret auf den Alltag der Menschen vor Ort ausgewirkt hat“, so die Referenten, „vor allem schauen wir dabei auf die Umsetzung verschiedener juristischer Bestimmungen.“ Ausgehend von der Situation der jüdischen Bevölkerung vor dem Ende der Demokratie nimmt der Vortrag anhand verschiedener Quellen etwa die Gleichschaltung von Vereinen und Schulen, den Boykott jüdischer Geschäfte und die sogenannte Schutzhaft im Eschweger Gefängnis in den Blick.

    Der Vortrag beginnt um 19 Uhr über die Plattform Zoom. Eine vorherige Anmeldung per Mail unter info@synagoge-abterode.de bis spätestens Dienstag, 27. April, ist notwendig, um den Zugangslink zu erhalten.

  8. Hass und Desinformation begegnen

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    Digitaler Workshop in der Synagoge in Abterode

    Abterode – „Demokratie lebt vom Engagement der Anständigen“, sagte Felix Martin, Landtagsabgeordneter der Grünen für Eschwege und Witzenhausen. Im Internet lasse der Anstand jedoch zu wünschen übrig, Hass und Hetze haben dort in den vergangenen Jahren immer mehr Raum eingenommen. Wie damit umgehen? Das fragte der Politiker mit einer digitalen Veranstaltung aus der Synagoge in Abterode heraus.

    Die Synagoge stand für Felix Martin dabei als ein Ort der Hoffnung, als Zeichen, dass die von Hass genährten Verbrechen der NS-Zeit ihr Ziel nicht erreicht haben. Dr. Martin Arnold, Vorsitzender des Vereins der Freunde und Freundinnen des Jüdischen Lebens, warnte allerdings: „Der Antisemitismus ist nicht verschwunden. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 2275 antisemitische Straftaten verübt.“ Neue Verschwörungsmythen wie Q-Anon verbreiteten antisemitisches Gedankengut im neuen Gewand. Dr. Laura Sophie Dornheim, Forscherin der Gender Studies und Beraterin für Digitalstrategien, sowie Lukas Schauder, Landtagsabgeordneter der Grünen, sprachen in zwei Workshops zu den Themen „Hass im Netz“ und „Verschwörungsmythen“.

    Die Zuschauer wählten sich per Video-Schalte ein, da die Vorträge gleichzeitig stattfanden, mussten sie sich entscheiden. Verschwörungsmythen, also Verschwörungstheorien, die sich bereits als unwahr herausgestellt haben, verbreiten sich zurzeit immer stärker. Wer glaubt daran? Sind Männer anfälliger, hat es etwas mit Bildung zu tun? Beide Erklärungsversuche verneinte Lukas Schauder. „Anhänger von Verschwörungsmythen haben Angst vor Kontrollverlust“, sagte der Politiker.

    „Sie versuchen, Einfluss zurückzugewinnen, indem sie wissenschaftliche Erkenntnisse in Abrede stellen.“ Die Mythen lieferten einfache Antworten auf komplizierte Fragen und präsentierten vermeintlich Schuldige, gegen die man kämpfen könne. Der Protest gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie habe gezeigt, dass auch Grünen-Wähler nicht frei von diesem Phänomen seien, zum Beispiel Anhänger von alternativer Medizin.

    Die meisten Anhänger von Verschwörungsmythen verortete der Politiker im rechtsextremen Spektrum. Kritik richtete Lukas Schauder auch an „die Medien“, sie müssten ihren Umgang mit Verschwörungsideologen hinterfragen. „Wenn Menschen in Talkshows eingeladen werden, die Perspektiven vertreten, die nicht auf der Basis von Fakten stehen, entsteht der Eindruck, die Meinungen stünden gleichwertig nebeneinander und man könnte sich aussuchen, woran man glauben möchte“, sagte er und kritisierte die „Aufregung als Geschäftsmodell“ einiger Medienorgane. Für viele Menschen werde es immer schwerer, zu unterscheiden zwischen gesicherten Erkenntnissen und Desinformation. Aber auch die Verwendung von Algorithmen im Internet sei ein Problem, sie bestärkten bestehende Meinungen, besonders, wenn sie mit Emotionen verbunden seien. Er warnte: „Wenn eine kritische Menge der Bevölkerung an Verschwörungsmythen glaubt, wird es demokratiegefährdend.“ Aber er gab auch eine Handlungsempfehlung:

    Das Gespräch mit den Menschen suchen, die sich verunsichert zeigen, was sie glauben sollen. Am besten gemeinsam nach zuverlässigen Quellen suchen. Laura Dornheim riet in ihrem Vortrag, dass Betroffene von Hasskommentaren und Beleidigung im Internet diese nicht ignorieren, sondern zur Anzeige bringen sollten. Felix Martin sagte: „Es ist wichtig, dass Menschen spüren, dass das, was sie im Netz tun, Konsequenzen hat.“

    Im Gespräch würden sich die meisten Menschen nicht derart aggressiv äußern. Er hoffte, die Teilnehmer könnten die Tipps in ihren Alltag integrieren und dass Menschen, die sich von Hass und Desinformation haben einfangen lassen, wieder zurückgeholt werden könnten.

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